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Rückblick: Sinti und Roma in Göttingen – von der Nachkriegszeit bis heute

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Am 16. Dezember 2025, einem wichtigen Gedenktag*, veranstaltete das Roma Center eine gut besuchte Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zu Geschichte und Gegenwart von Sinti und Roma in Göttingen.

Den Auftakt bildete ein Vortrag des Historikers Dr. Rainer Driever, der die Verfolgung von Sinti und Roma während der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich nachzeichnete und dann die Situation speziell in Göttingen beleuchtete. Rainer Driever hat erstmals die Verfolgungsgeschichte der Göttinger Sinti während der NS-Zeit wissenschaftlich aufgearbeitet und dokumentiert. Das Ergebnis dieser Arbeit hat er 2025 veröffentlicht. Roma waren zu dieser Zeit noch nicht in Göttingen ansässig.

In der anschließenden Podiumsdiskussion standen vor allem die Kontinuitäten von Ausgrenzung und Diskriminierung nach 1945 im Mittelpunkt. Ein zentrales Thema war dabei die Wohnsituation: Die aus den Konzentrationslagern nach Göttingen zurückkehrenden Sinti wurden in der Nachkriegszeit unter äußerst prekären Bedingungen, insbesondere in der Weststadt, untergebracht. Ab Ende der 1980er Jahre wurden genau dort auch Roma angesiedelt, die vor den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien flohen oder nach der Vertreibung aus dem Kosovo 1999 nach Göttingen kamen. Diese Kontinuität reicht bis in die Gegenwart.

Die biografischen und aktivistischen Perspektiven von Manja Schuecker-Weiss und Kenan Emini machten diese Zusammenhänge eindrücklich sichtbar. Manja Schuecker-Weiss berichtete sowohl über die Erfahrungen ihrer eigenen Familie als auch über ihr langjähriges Engagement für Roma, die als Kriegsgeflüchtete nach Göttingen kamen. Kenan Emini schilderte das sogenannte „goldene Zeitalter“ der Roma im sozialistischen Jugoslawien unter Tito, in dem Roma gleichermaßen Anteil an der Gesellschaft hatten wie alle anderen, und den vollständigen Verlust dieser Lebensgrundlagen durch Nationalismus, Krieg und Vertreibung. Die nach Deutschland geflüchteten Roma erlebten einen massiven gesellschaftlichen Abstieg, der bis heute schwerwiegende Folgen zeigt.

Die ursprünglich geplante Teilnahme von Monika Kos-Rochlitz, die eine wichtige biografische Perspektive aus der unmittelbaren Nachkriegszeit eingebracht hätte, war krankheitsbedingt leider nicht möglich. Aufgrund des großen Interesses ist eine weitere Veranstaltung mit ihr geplant.

Die Veranstaltung zeigte einmal mehr, dass Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen untrennbar mit der Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Rassismus und struktureller Diskriminierung verbunden ist.

* Der Gedenktag geht auf den 16.12.1942 zurück. Auf diesen Tag datiert der Auschwitz-Erlass. Dieser ordnete nicht nur die Deportation der deutschen Sinti, sondern auch der Roma aus vielen besetzten Gebieten, insbesondere vom Balkan, nach Auschwitz-Birkenau an.

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